Start-up Interview

Dr. Viktor Becher, der Gründer von Getsurance, steht uns Rede und Antwort und berichtet von der Ideenfindung, der Entwicklung und der Umsetzung des InsurTechs. Welche Herausforderungen es auf dem Weg zum Launch von „Deutschlands erster digitalen Lebensversicherung“ gab und inwiefern das Logo die Denkweise verkörpert, erfahrt ihr im Folgenden.

Warum braucht der Markt ein solches Produkt? / Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? / Wie lang war dieser Prozess?

Die Bedürfnisse der Kunden werden zunehmend von der Digitalisierung geprägt, Produkte sollen schnell und online verfügbar sein. Versicherungen sind da keine Ausnahme, auch sie müssen mit dem Puls der Zeit gehen. Insbesondere im Bereich der Lebensversicherungen hat es die Versicherungswirtschaft jedoch geschafft, sich der Digitalisierung bisher zu entziehen. Doch der Markt braucht auch in diesem Bereich digitale Produkte, so wie unsere Berufsunfähigkeitsversicherung “Getsurance Job”.
Traditionelle, papierbasierte Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) sind sehr umständlich zu beantragen und ziehen einen zum Teil wochenlangen Prozess nach sich. Zudem werden viele Menschen wegen Vorerkrankungen von der Versicherung abgelehnt oder müssen höhere Beiträge zahlen. Auch für Menschen in Berufen mit körperlicher Tätigkeit werden oft Risikozuschläge fällig. Die Folge ist: viele Menschen in Deutschland sind unterversichert. Wir haben die BU deshalb komplett neu und digital gedacht. Mit unseren drei Leistungspaketen kann sich nun jeder kostengünstig absichern.
Auf die Idee zu Getsurance Job kamen wir, nachdem wir im Sommer 2016 unseren automatisierten Vergleichsrechner (Robo-Advisor) für traditionelle BUs gestartet haben. Dabei erhielten wir einen genauen Einblick in den Markt und die Probleme herkömmlicher Berufsunfähigkeitsversicherungen – und haben damit angefangen, unser eigenes Produkt zu entwickeln.

Wann seid ihr gestartet? Wie lang lief der Erstellungsprozess? Wie viele Iterationen gab es?

Wir haben Getsurance Job innerhalb von sechs Monaten entwickelt und gelauncht (Entwicklungsstart: Januar 2017, Launch: Juni 2017). Dabei haben wir eng mit dem internationalen Rückversicherer Reinsurance Group of America (RGA) zusammengearbeitet. Diesen konnten wir schnell von unserer Produktidee überzeugen, eine 100% digitale Berufsunfähigkeitsversicherung mit automatisierter Risikoprüfung zu entwickeln.
Bei der Entwicklung hat RGA ungefähre Preise – also Prämien – für unser Produkt berechnet und Gesundheitsfragen vorgeschlagen, die von uns angepasst wurden. Anschließend haben wir das Feedback von echten Kunden zu unserer Produktidee eingeholt und herausgefunden, welche Leistungspakete interessant für sie sind und zu welchem Preis sie diese abschließen würden. Die Resonanz war unglaublich positiv, weshalb wir unser Produkt fertig entwickelt haben.
Mit diesen Daten konnte RGA die endgültigen Prämien berechnen und wir die Versicherungsbedingungen entwerfen. Diese wurden dann noch von einer auf Versicherungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei gecheckt. Wir konnten unser BU-Produkt deshalb so schnell entwickeln, weil es zwischen Startup und Rückversicherer eine perfekte Arbeitsteilung gab. Denn jeder hat das gemacht, worin er am besten ist.

Was waren Herausforderungen, coole Erlebnisse und lessons learnt?

Eine besondere Herausforderung war es, Investoren für unsere Idee zu gewinnen. Das ist uns auch gelungen – wir sind froh, dass die namhaften Investoren IBB Beteiligungsgesellschaft, PostFinance und Picus Capital (von Alexander Samwer) an unsere Idee glauben und uns mit 2 Mio. Euro unterstützt haben. Bei der Produktentwicklung lag die größte Herausforderung darin, Gesundheitsfragen für die automatisierte Risikoprüfung zu entwickeln. Das sollten nämlich so wenig wie möglich sein, aber genug, um alle nötigen Informationen von den Kunden zu bekommen.
Besonders cool war es, als wir zum ersten Mal mit RGA über unsere Produktidee gesprochen haben – es stellte sich nämlich heraus, dass sie in eine ganz ähnliche Richtung dachten. Damit hatten wir unseren perfekten Partner gefunden. Toll war auch, als wir unsere erste BU einem Kunden verkauft haben, der über eine Online-Kampagne direkt zu uns kam. Damit wurde zum ersten Mal in Deutschland eine BU innerhalb weniger Minuten komplett online abgeschlossen. Das hat uns besonders deutlich gemacht, wie innovativ unser Produkt ist.
Eine wichtige lesson bis jetzt war, dass die Kunden gegenüber uns überraschend aufgeschlossen sind – obwohl wir als neuer Anbieter noch nicht sehr bekannt sind. Das liegt vor allem daran, dass sich die Versicherung komplett online abschließen lässt und dadurch sehr transparent ist.

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Rückversicherer? Mit wie vielen habt ihr zuvor gesprochen?

Wir haben mit allen großen Rückversicherern gesprochen, die in Deutschland aktiv sind. Das Team von RGA Deutschland hat uns vor allem mit seiner Begeisterungsfähigkeit überzeugt und dem Willen, ein innovatives und rein digitales BU-Produkt zu entwickeln. Besonders profitiert haben wir davon, dass RGA eine sehr große Kompetenz in der Beitragskalkulation und Risikoprüfung im Bereich der Lebensversicherungen hat. Die Zusammenarbeit war äußerst schnell und unkompliziert – unser Launch nach nur sechs Monaten ist der beste Beweis dafür. Für einen milliardenschweren Rückversicherer ist RGA überraschend agil, Feedback zu unseren Ideen kam oft noch am gleichen Tag.

Was ist cool an dem Produkt?

Getsurance Job ist die einzige BU, die sich in wenigen Minuten komplett online abschließen lässt. Unsere Gesundheitsfragen sind so einfach, dass jeder sie beantworten kann, ohne alte Krankenakten zu durchwühlen oder seinen Arzt fragen zu müssen. Zudem können sich endlich auch Menschen mit Vorerkrankungen und risikoreichen Berufen mit einer BU versichern – und das auch noch zu bezahlbaren Preisen.
Und vor allem ist unser Design cool! Eine orangene Katze als Logo zu wählen war mutig, aber der richtige Schritt: Kunden lieben “Cat” und unser frisches Design macht deutlich, dass wir mit unserer BU neue Wege gehen.

Die wirtschaftliche Revolution nach der technischen: Blockchain als Geschäftsmodell für Versicherer

Nachdem in der Vergangenheit das Thema Blockchain vorrangig nur mit Zahlungsverkehr und Bankgeschäften verknüpft wurde, sind nun zunehmend auch Versicherungslösungen im Fokus der Unternehmen und Investoren. Die Anwendungsgebiete der Blockchain und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle für Start-ups und etablierte Unternehmen sind vielfältig. Für InsurTechs bietet vor allem die wohl bekannteste und zukunftsträchtigste Applikation der Blockchain hohes Potenzial: „Smart Contracts“. Bei einem Smart Contract werden sowohl Vertrag und Vertragsinhalte wie auch die Beziehungen der Vertragsparteien digitalisiert. Basierend auf der Blockchain-Technologie zeichnet sich ein Smart Contract durch direkte Kommunikation mit dem Objekt aus. Intermediäre werden dabei überflüssig. Auf der Funktionsweise von Smart Contracts könnten auch Versicherungen basieren: Versicherung und Versicherungsnehmer einigen sich auf ein Regelwerk, welches die Blockchain autark und wertneutral umsetzt. So können Tarife entwickelt werden, die auf das Verhalten des Kunden zugeschnitten sind. Die Blockchain-Technologie würde beispielsweise eine Analyse des Fahrverhaltens ermöglichen und automatisch Beiträge anpassen. Vorausschauende Fahrer würden belohnt, risikobereite Fahrer hingegen zahlen mehr. Durch den Einsatz von Smart Contracts wird das operationelle Risiko der Vertragsparteien reduziert und der Ablauf erfolgt vollständig automatisiert. Nützlich sind sie vor allem auch deshalb, da sie Parteien in Verträgen integrieren die sich nicht vollständig vertrauen und damit das Problem der asymmetrischen Informationsverteilung reduzieren.

Globale Blockchain-Dynamik in der Versicherungsbranche

Internationale Beispiele verweisen auf die globale Bedeutung von Smart Contracts im Versicherungsbereich. Bei der Londoner InsurETH können Reisende, auf Basis einer Smart Contract Applikation von Ethereum, Flüge absichern. Mit Hilfe von verifizierten Flugdaten wird geprüft, ob ein Versicherungsfall eingetreten ist. Entsteht ein Entschädigungsanspruch, weil ein Flug ausgefallen ist, kann die Leistung aufgrund der verifizierten Flugdaten in der Blockchain innerhalb von wenigen Sekunden freigegeben werden. Die Technologie vereinfacht und beschleunigt damit auch die Preisgestaltung und die Auszahlung von Ansprüchen. Auf der gleichen Grundlage bietet Dynamis Peer-to-Peer Versicherungen an. Seit 2015 arbeitet auch Versicherix daran, den bereits dezentralen Peer-to-Peer Ansatz mit Hilfe der Blockchain-Technologie gänzlich dezentral und unabhängig von Intermediären zu gestalten. Die Produktpalette des Schweizer Start-ups enthält sowohl standardisierte Versicherungsmöglichkeiten als auch individuell durch die Nutzer kreierte Produkte. Andere Start-ups wie Utocat aus Frankreich fokussieren sich auf Blockchain-Schnittstellen für Banken und Versicherer. Ein weiteres Start-ups, das Berliner FinTech Bitbond, optimiert mit Blockchain Peer-to-Peer Lending. Grenzüberschreitende Zahlungstransaktionen, die sich durch kostenintensive und langwierige Prozesse auszeichnen, sollen auf Basis von Bitcoins optimiert werden. Ziel von Bitbond ist es, kleine Unternehmen in über 120 Ländern mit Bitcoin-Investoren zu verbinden. Kreditsuchende erhalten so eine einfache Gelegenheit, an Geldmittel zu gelangen und den Investoren winken lukrative Zinssätze. Dank der Blockchain erfolgen die Zahlungsströme fast in Echtzeit und ohne hohe Bankgebühren für Auslandsüberweisungen. Technologie und Zahlungsnetzwerk basieren ausschließlich auf Bitcoins.
Etherisc wurde im Rahmen der „Blockshow Europe 2017“ mit dem Oscar „Most Innovative Blockchain Startup“ ausgezeichnet. Das Münchner InsurTech arbeitet an einer dezentralen Anwendung für Sozialversicherungen, welche auf der Ethereum Blockchain implementiert wurde. Das Modell unterstützt Betroffene bei schweren Lebensereignissen wie Tod oder Erkrankungen mit einer ersten Notfall-Zahlung. Via Smart Contract will Etherisc außerdem Flugverspätungen und Ernteausfälle versichern.

Auch Betrugsfälle lassen sich durch die Blockchain-Technologie eindämmen. Über die Nutzung von Blockchain könnten Versicherer beispielsweise die Echtheit von Waren und Dokumenten ermitteln oder eine Historie von betrügerischen Handlungen einer Person erstellen. Everledger beschäftigt sich mit Betrugs- und Diebstahlproblemen der Diamantenindustrie und nutzt Blockchain, um Objekte kontinuierlich zu verfolgen. Das Unternehmen stellt ein unveränderbares Hauptbuch für Diamantbesitz und verwandte Transaktionsverlaufsüberprüfung für Versicherer bereit. Aufgrund einer integrierten Anwendungsprogrammierschnittstelle kann jeder aktuelle Daten über den Status eines Steins aufrufen und bereitstellen, einschließlich Polizeiberichten und Versicherungsansprüchen.
Eine weitere Chance, Betrugsfälle zu minimieren, findet sich im Gesundheitswesen. Sogenannte „Luftrezepte“ stellen ein großes Problem für Krankenkassen dar. Dabei handelt es sich um Rezepte, die von Apotheken abgerechnet, die verschriebenen Arzneimittel allerdings nie verkauft wurden. Lösung könnte eine Blockchain sein, die jedes Arzneimittel eindeutig kennzeichnet, beispielsweise über einen QR-Code.

Die Blockchain-Adaptionskurve

Auch langjährige Marktakteure haben die Bedeutung und Tragweite von Blockchain-Technologien längst erkannt und setzten auf den Ausbau eigener Fähigkeiten. So arbeitet die Allianz France seit Dezember 2015 mit Everledger im Rahmen des Accelerator-Programms Accélérateur Allianz zusammen. Ziel ist es, die Blockchain-Technologie zu erforschen. Anfang 2016 startete die Allianz Risk Transfer ein Pilotprojekt für eine Smart-Contract-Lösung zur Automatisierung von Swap-Transaktionen bei Katastrophenszenarien. Damit ist die Allianz einerseits in der Lage, Schäden schneller zu prüfen und abzuwickeln und kann so in Notfällen besser agieren. Andererseits erleichtert und beschleunigt die Technologie die Absicherung von Katastrophenereignissen.
Die aufgeführten Use-Cases zeigen, dass es bereits eine Reihe von Unternehmen schafft, mit Blockchain Kosteneffizienz, operative Leistung und Kundebindung zu verbessern. Inwieweit sich in naher Zukunft die technologischen Anforderungen umsetzen lassen, ist die eine Frage. Welche Voraussetzungen noch erfüllt werden müssen, damit aus einer Technologie wie Blockchain ein gesellschaftlich akzeptierter Standard wird, ist eine andere.

InsurTech-Übersicht Reloaded

Ziemlich genau ein Jahr nachdem unsere erste InsurTech-Übersicht erschienen ist, veröffentlicht das New Players Network, heute die aktuelle und überarbeitete Version der Übersicht. Mit neuen Features und einem frischen Layout haben wir die Marktübersicht nicht nur optisch sondern auch inhaltlich erweitert.

Der InsurTech-Markt wächst rapide, sodass sich die Anzahl der Start-Ups der Branche gegenüber dem letzten Jahr fast verdoppelt hat (Mai 2016: 37, Ende 2016: 47, aktuell 67). 67 neue Player aus dem deutschsprachigen Raum werden in der Übersicht vorgestellt, die Geschäftsmodelle beleuchtet und in Cluster eingeteilt. Neben den ganz neuen Ansätzen haben sich auch die Geschäftsmodelle der bekannten Player teilweise verändert.

Unsere wesentlichen Erkenntnisse haben wir hier für euch in fünf Thesen zusammengefasst:

#1 Die Anzahl der Start-ups, die sich auf Versicherungsprodukte fokussieren, wächst. Neben den Playern im Bereich der Ausschnittsdeckungen widmen sich mehr Start-ups dem Redesign klassischer Produkte.

#2 Der Markt der Vertragsmanager stagniert. Viele der Geschäftsmodelle wandeln sich von B2C zu B2B2C. InsurTechs setzen vermehrt auf Kooperation.

#3 Im Schadenbereich setzen sich neue Anbieter für mehr Transparenz und Regulierung im Sinne des Kunden ein.

#4  Zwei weitere Community-basierte InsurTechs sind in den Markt eingetreten und  verfolgen einen – wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägten – Peer-to-Peer-Ansatz, teilweise sogar auf Basis der Blockchain.

#5 Der Trend in 2017 geht klar in Richtung „Digitale Versicherungsunternehmen“. Sechs neue Player befinden sich aktuell in der BaFin-Lizenzierungsphase. Obwohl die digitalen Versicherer „auf der grünen Wiese“ agieren, sind kaum innovative Konzepte erkennbar.

Die Übersicht enthält neben einer Kurzbeschreibung des Geschäftsmodells, die Bewertung des Innovationsgrads und die Darstellung der Ausrichtung sowie der Beziehung zu den traditionellen Marktakteuren. Außerdem führen wir Informationen rund um die Gründung und die beteiligten Investoren auf.

Falls du auch ein Gründer bist und dein Start-up in die Übersicht gehört oder du Fragen zum Thema InsuTechs hast, melde dich gern bei uns. Start-ups liegen uns am Herzen!